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Inklusion leben - Gottesdienste für Hörgeschädigte

 

Priester Christian Mielenz ist Seelsorger sowohl in der Hörgeschädigten-Gemeinde Westdeutschland als auch in der Gemeinde Essen-Rellinghausen. Zudem ist er im Lenkungsgremium der Handicapped und Hörgeschädigten tätig.

Gottesdienste für die hörgeschädigten Gläubigen und ihre Betreuer finden in der Regel zweimal im Monat statt, einmal zentral in der Gemeinde Bönen oder Essen-Altenessen und das zweite Mal in regional wechselnden Gemeinden. Die deutlich und langsam gesprochene Predigt wird in Lautsprache begleitende Gebärdensprache (LBG) übersetzt.

Während der Corona-Pandemie werden Videogottesdienste auch mit einem Livestream in LBG angeboten; neben dem im Bild sichtbaren Altar mit dem Dienstleiter wird der gebärdende Dolmetscher eingeblendet. Informationen dazu finden sich auf der Internetseite der Gebietskirche Westdeutschland  (https://www.nak-west.de/) sowie der Internetseite "Hörgeschädigte im deutschsprachigen Raum" (www.nak-deaf.org).

Im Interview berichtet Priester Christian Mielenz über seine Tätigkeit in der Hörgeschädigten-Gemeinde.

Lieber Priester Mielenz, seit einigen Jahren sind Sie seelsorgerisch in der Hörgeschädigten-Gemeinde tätig, Sie haben die Gebärdensprache gelernt. Was war der Anlass dazu, und gab es zu Beginn Schwierigkeiten beim Übersetzen der Predigt, beispielsweise mit der religiösen Ausdrucksweise?

Priester Mielenz: Angefangen hat es vor einigen Jahren mit meiner Teilnahme an einem Gottesdienst für Hörgeschädigte. Neugierig auf das seelsorgerische Angebot für hörgeschädigte Kirchenmitglieder wurde ich aufgrund der familiären Auseinandersetzung mit dem Thema Hörbehinderung. Der Gottesdienstbesuch hat mich und meine Kinder nachhaltig beeindruckt. Meine Frau konnte seinerzeit nicht anwesend sein. Ich schlug daher vor, dass sie bei nächster Gelegenheit mitkommen müsse.

Anlass für meine Anmeldung zu einem DGS-Kurs (Deutsche Gebärden-Sprache) war, dass mich beim „Tag der Begegnung“ im Jahr 2015 Kinder ansprachen beziehungsweise mir mit Gebärden mitteilten, dass sie hörgeschädigt seien. Erst in diesem Moment - weil ich ja nichts verstanden hatte - stellte ich fest, dass ich mich am „falschen“ Informationsstand aufhielt: Nämlich dem der Hörgeschädigten-Gemeinde, nicht dem der Handicapped Nordrhein-Westfalen (NRW). (Anmerkung: Die Veranstaltung in Köln wird jährlich vom Landschaftsverband Rheinland (LVR) organisiert. Handicapped und Hörgeschädigte präsentierten dort die Neuapostolische Kirche.). Dieses Erlebnis, dass ich Kinder nicht verstehen konnte, war so einschneidend, dass noch am selben Abend die Kursbuchung erfolgte. Kinder nicht verstehen zu können - insbesondere, wenn man eigene hat -, ist mit heutigen Worten gesagt ein No-Go.

Die Gebärdensprache habe ich an der Volkshochschule (VHS) gelernt. Natürlich habe ich die Gelegenheit genutzt, den Dozenten nach der einen oder anderen religiösen Gebärde zu fragen. Ein paar Begriffe waren ihm bekannt; aber auch heute noch stellen wir in den Gottesdienstvorbereitungen häufig fest, dass für einige Begriffe keine Gebärden existieren. Dann muss man nach passenden, sinngleichen Gebärden suchen.

Mein erster Einsatz als Gebärdensprach-Übersetzer war im Jahr 2016, bei der Gottesdienstübertragung zu Pfingsten.

In Westdeutschland gibt es ungefähr fünfzig hörgeschädigte Glaubensgeschwister, dazu die gleiche Anzahl Betreuer. Der Zeitaufwand allein für den Fahrdienst zum Gottesdienst ist sicherlich enorm?

Priester Mielenz: Natürlich sind teilweise weite Wege zurückzulegen. Aber der Aufwand tritt in den Hintergrund. Er wird kompensiert durch die Freude: Wir freuen uns sehr, wenn wir uns alle sehen und gemeinsam Gottesdienst erleben dürfen. Das sind besondere Höhepunkte, für die wir sehr dankbar sind.

Nach dem Gottesdienst treffen sich alle zu einem Imbiss. Das gemeinsame Erleben des Gottesdienstes ist natürlich wichtig. Das anschließende Zusammensein der weit angereisten Glaubensgeschwister bietet außerdem Gelegenheit für Gespräche und Gemeinschaftspflege?

Priester Mielenz: Diese Gelegenheit wird gern genutzt. Zum einen können in den Gesprächen der Inhalt des Gottesdienstes vertieft oder Fragen dazu geklärt werden. Zum anderen ist jeder aufrichtig am Wohlergehen des Anderen interessiert. Daher tauschen die Glaubensgeschwister sich über Sorgen, Krankheiten und besondere Ereignisse aus. Sie erhalten auf diese Weise auch oft Hinweise, die in ihrem Alltag nützlich sein können. Und sie teilen insbesondere gern ihre Freude über schöne Erlebnisse. Nicht zuletzt können die Augenblicke natürlich auch für die Seelsorge genutzt werden; die Priester und Diakone stehen den Gläubigen ebenfalls für individuelle Gespräche zur Verfügung.

Vor zwei Jahren wurden Sie zum Priester ordiniert und zum stellvertretenden Vorsteher der Hörgeschädigten-Gemeinde beauftragt. Beim Rückblick auf den 8. Juli 2018: Können Sie sich noch an Ihre Gedanken und Empfindungen erinnern?

Priester Mielenz: Sicher, sehr gut sogar. Im Vorfeld hatte ich mir sehr viele Gedanken gemacht und natürlich auch mit meiner Familie darüber gesprochen. Ich hatte und habe nach wie vor sehr großen Respekt vor diesem Auftrag und vor dieser großen Verantwortung. Gott stattet dich bei der Ordination mit Kraft für den Auftrag aus – dieser Gedanke hat mir geholfen, den Auftrag anzunehmen. Eine intensive Vorbereitung auf die Predigt ist selbstverständlich unerlässlich. Aber ich bin mir stets bewusst, dass ich dem Heiligen Geist Raum geben muss, damit jede Seele angesprochen werden kann.

Die Betreuung der hörgeschädigten Glaubensgeschwister erfordert viel Einfühlungsvermögen und einen zeitaufwendigen Einsatz. Was ist Ihre Motivation, haben Sie einen Leitsatz?

Priester Mielenz: Ja, es ist mein Lieblingslied aus meiner Jugendzeit. Das in diesem Lied gegebene Versprechen ist mir immer wieder Ansporn und Motivation: „Herr, mein Leben, es sei dein, lass es dir geheiligt sein! Nimm dir hin, Herr, meine Zeit, dir sei gerne sie geweiht! Nimm die Augen, dass sie klar sehn, was sein wird, ist und war. Nimm die Ohren, dass sie fein hören auf dein Wort allein!“

Sie sind verheiratet und haben zwei Töchter. Sie sind berufstätig, und Sie sind seelsorgerisch tätig. Bleibt da eigentlich noch Zeit übrig für ein Hobby?

Priester Mielenz: Es ist natürlich wichtig, auch an sich selbst zu denken. Das hat nichts mit Egoismus zu tun, sondern gehört zu einem ausgeglichenen Gesamten. Die Zeitanteile verschieben sich dynamisch: Mal sind Bedürfnisse in der eigenen Familie zu regeln, mal sind die Ansprüche in der Gemeinde höher.

In meiner Freizeit genieße ich gerne die Natur und betreibe Outdoor-Sport. Entweder bin ich mit meinem Mountainbike oder Rennrad unterwegs, oder ich wandere durch die Natur. Je nach Interessenlage bin ich dabei zum Glück nicht allein. Meine Töchter und meine Frau begleiten mich mal mehr, mal weniger zahlreich - je nach dem, was gerade ansteht. Wir sind dabei nicht nur in der näheren Umgebung unterwegs. Gerne steuern wir Ziele im Sauerland, in der Eifel oder auch in den Niederlanden oder Belgien an, um nur einige zu nennen.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

19. Juli 2020
Text: Roswitha Gückel, Christian Mielenz
Fotos: Archiv

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